Chefs haben einfach zu viel zu tun

Erschienen im Hamburger Abendblatt
Grundschüler zu Gast bei Edding in Ahrensburg.
Aktion Chefs lesen Kindern vor bringt ihnen die Arbeitswelt näher.

Ahrensburg. „Was verdienst du?“, fragt ein Drittklässler, als er Thorsten Streppelhoff, den Geschäftsführer der Ahrensburger Edding AG, zum ersten Mal besucht. „Ganz gut“, antwortet Streppelhoff. Schmunzelt und legt das Buch, aus dem er eben noch vorgelesen hat, beiseite. Der Schüler und der Manager haben soeben Neuland betreten. Anlass ist die Aktion „Chefs lesen Kindern vor“. Dem Hamburger Führungskräftecoach Dirk Brandt, Initiator des ehrenamtlichen Projekts, geht es darum, Vorurteile abzubauen. „Chefs und Kinder sollen miteinander ins Gespräch kommen. Das Vorlesen dient als Vehikel dazu“, sagt der 50-Jährige. Brandt will den Kindern die Welt der Führungskräfte näherbringen. Vor allem Grundschüler aus Hamburger Stadtteilen mit sozialen Bennpunkten wie Wilhelmsburg, Hamm oder Barmbek will er erreichen. Und er weitet seine Aktion über Hamburgs Stadtgrenzen hinaus aus.
Erstmals in diesem Jahr ist mit dem Ahrensburger Schreibwarenhersteller ein Unternehmen aus Stormarn dabei. „Die Fragen können entwaffnend sein“, sagt Thorsten Streppelhoff. „Es ist erfrischend, wie unbedarft Kinder an Themen herangehen.“ Am Dienstag waren René-Pascal, Yumi, Doris, Nick und Luca aus der 3 a der Grundschule Eckerkoppel in Hamburg-Farmsen zum zweiten Mal zu Gast in Streppelhoffs Büro. Binnen eines Halbjahrs besuchen sie ihn dreimal, um Fragen zu stellen und Geschichten zu hören. Will einer von ihnen später auch einmal Chef werden? „Nein“, lautet die einhellige Antwort der Drittklässler. „Der Chef hat einfach zu viel zu tun und zu wenig Zeit“, sagt René-Pascal, 10. „Ich mag nicht gern kommandieren“, begründet Yumi, 9, ihre ablehnende Haltung.
„Die Schüler haben sich erstmals mit dem Berufsleben beschäftigt“, sagt Klassenlehrerin Yvonne Richter. „Das Erleben vor Ort ist etwas ganz anderes, als nur über Berufe zu sprechen.“ Sie hätten ihren Ausflug in die Chefetage durchweg positiv bewertet. „Es gibt konkrete Überlegungen bei den Schülern, wo sie ihre Kraft reinstecken müssen, um etwas zu erreichen.“ Schließlich hätten manche Eltern, die gar nicht arbeiten. Mitte Mai sind sie wieder bei Edding – vielleicht revidieren sie später ihre Meinung zum Chefsein.
2006 gründete der Hamburger Führungskräftecoach Dirk Brandt die gemeinnützige Initiative „Chefs lesen Kindern vor“. Seitdem haben sich 20 Unternehmen, darunter Hamburg Airport und Edeka, an der Aktion beteiligt.
Ihre Chefetagen lernten rund 4000 Hamburger Dritt- und Viertklässler kennen.


